Ist das Kunst oder kann das weg?

astraredbull

Ahoi!

Schon eine Woche nach dem leider nicht von Erfolg gekrönten Spiel an der Brenz wartet eine sportlich schwierige und maybe existenzielle Partie gegen Vita Cola, äh RasenBallsport Leipzig auf uns, das seit Monaten der Liebling eines (fast) jeden Fußball-Fans ist. Die von uns im Rahmen des Hinspiels gemachten Erfahrungen bestätigten uns in dieser Liebe.

Wie man gestern in der „Welt“ und sonstwo lesen konnte, wäre diese Liebe fast besitzergreifend geworden. Um mit Egotronic zu sprechen: Der FC St. Pauli ist so „Hip, Cool, Sexy“, dass er sich gut vermarkten, leider aufgrund einer aktiven Fanszene aber nicht instrumentalisieren lässt. Dass ersteres trotzdem bis zu einem gewissen Punkt der Fall ist, ist natürlich auch unumstritten und zu kritisieren. Darüber mag sich momentan aber jemand anderes den Kopf zerbrechen.

Denkt man an RB Leipzig, denkt man zugleich auch an Fanproteste. In letzter Zeit häufen sich die Schlagzeilen auf den „Fankultur“-Pages, wenn Verein „XY“ durch Abwesenheit glänzt oder den Protest mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Kurve trägt. So hatte auch der FC St. Pauli seinen Widerstand gegen den aus Österreich gesteuerten Marionettenclub nicht aus dem, sondern in das Stadion verlagert. Wirklich in Erinnerung geblieben ist davon nichts. Ein paar Transpis hier, ein paar Anti-RB-Rufe da. Doch egal, welches Ausmaß der Protest auch annehmen mag, letztlich fühlt sich alles wie ein Sturm im Wasserglas an, wenig zielführend und kaum effektiv. Mancher Protest wirkt ehrlich, manch anderer eher wie Trittbrettfahren nach dem Motto „Wir sind auch voll gegen RB, Kommerz und so“, um sein Gewissen zu beruhigen oder im Fanszenen-Battle einen Stein mehr im Brett zu haben.

Doch was erlaube ich mir diesen Zustand zu kritisieren? Mach es doch besser, du MFC-Hoschie!

Echte Lösungen habe ich keine parat, die hätte schon jemand gefunden. Aber vielleicht ein paar Ansätze. Wenn ich zum Bild des Sturms im Wasserglas zurückkomme, in dem sich RB Leipzig bewegt, ist festzuhalten, dass dieses ziemlich dicke Wände hat, namentlich in DFL und DFB. Solange RB in seinen Bestrebungen eher bestärkt, denn eingeschränkt wird, können wir den im Gange befindlichen Prozess der Aufweichung der „50+1“-Regel durch Proteste nur verlangsamen, niemals aufhalten. Schaut man nach Wolfsburg, Hoffenheim oder Leverkusen, um nur einige populäre Beispiele zu nennen, ist diese Regelung doch schon längst ad absurdum geführt worden. Wolfsburg und Leverkusen scheinen mit Bauchgrummeln akzeptiert, gegen Hoffenheim regt sich ab und an noch ein wenig zwingender Protest. Insgesamt scheint man sich mit ihnen aber abgefunden zu haben. Bereits hier hätte der Widerstand viel größer sein müssen, um den bösen Geist im Keim zu ersticken. Doch waren die meisten Fanszenen früher nicht so organisiert wie heutzutage und die Folgen dieser Entwicklung noch überhaupt nicht absehbar.

Die naturgemäß sehr differenten Denkmuster bei Fans und Funktionären sind aber mehr oder minder die gleichen geblieben. Mit Unterstützung klammer Vereine versuchen die großen Player der deutschen Fußballlandschaft die Vermarktung dieses Sports voranzutreiben. Dass Fans ihnen den Rücken kehren, ist ihnen – mal mehr, mal weniger – egal. Ein genuines Interesse am Subjekt Fußballfan besteht schon länger nicht mehr, von einigen Positivbeispielen abgesehen. Man muss kein großer Prophet sein, um sagen zu können, dass der Fußball in Deutschland auf seine Art in die Falle von Börsen und Bonzen geraten ist. Man könnte jetzt eine lange und breite Kapitalismus-Diskussion führen, aber lassen wir das. Fakt ist, dass die Kommerzialisierung des Fußballs genauso unaufhaltbar erscheint, wie der demografische Wandel oder der Biermangel bei Erstrunden-Spielen im DFB-Pokal.

Die Wände des Wasserglases werden wir nur schwer brechen, RB nur schwer ersäufen können und doch müssen wir uns dieser Sisyphos-Arbeit stellen. Denn wer nichts macht, hat auch nichts zu erwarten. Wer nicht zur Wahl geht, braucht sich auch nicht wundern, wenn sich rechte Spackos durchsetzen. Klingt banal, ist aber meiner Meinung nach grundlegend. Jede/r sollte sich selbst hinterfragen, was er/sie denn wirklich versucht hat, um den Fußball, den er/sie liebt, zu erhalten. Davon nehme ich mich in keinster Weise aus. Jede/r sollte sich erst einmal selbst hinterfragen und von seinem/ihrem Umfeld hinterfragen lassen. Der Vorbildcharakter und die Multiplikatorenfunktion jedes/jeder Einzelnen und seiner/ihrer Peergroup für andere ist nicht zu unterschätzen. Engagiere ich mich z. B. im Verein und dessen Umfeld und/oder Fanszene kann das viel wichtiger sein als stumpf kein Energy-Gedöns mehr zu trinken oder Anti-Shirts zu tragen. Denn alles, was nicht an den Institutionen des Fußballs selbst rüttelt, kann wichtig, aber auch nur Schmuck am Nachthemd sein, um mit meinem ehemaligen Bio-Lehrer zu sprechen. Persönliches Engagement auf den institutionellen, sozialen und ökonomischen Ebenen des Fußballs halte ich für weitaus wichtiger als irgendein „Rattenballsport“-Transpi. Natürlich kann nun nicht jeder versuchen wollen, dem guten Herrn Göttlich sein Amt streitig zu machen, aber ein Verein (!) bietet so viele Beteiligungsmöglichkeiten und Betätigungsfelder, die mitunter gar nicht einmal viel mit ihm selbst zu tun haben müssen, dass fast jeder etwas gegen die RBisierung des Fußballs beitragen kann – zur JHV gehen, sich im Fanclub organisieren, keine dämlichen Captain Morgan-Hüte tragen, whatever… Hätten wir 100 FC St. Paulis in Deutschland, wäre die Diskussion vielleicht Makulatur. Dies ist kein Patentrezept, aber zumindest ein Ansatz.

Warum nun ist der Protest gegen RB Leipzig so unermüdlich? Das Maß, in dem der gemeine Fußballfan an der Nase herumgeführt werden soll, ist mehr als voll. Über den Namen des Vereins und seine „Tradition“ brauche ich mich kaum mehr auszulassen. Das Geschäftsmodell, das dahintersteckt, dürfte auch hinlänglich bekannt sein. Im Zweifel kann man sich bei der Handvoll „unabhängiger“ RB-Mitarbeiter/innen, äh Mitglieder informieren. RB Leipzig ist schlichtweg die Dreistigkeit der deutschen Fußballlandschaft überhaupt, mit DFB und DFL als Geburtshelfern und Beschützern. Man hätte auch einfach jedem Fan direkt einen mitgeben können. Und das Ganze dann als modernen Fußball zu etablieren und zu verkaufen, ist die Spitze des Eisbergs (Gibt´s eigentlich auch Red Bull – Eis im Zentralstadion?). Zudem scheint die Fanszene von RB sinnlos zusammengewürfelt, politisch zumindest fragwürdig und in puncto Fankultur ohne Bezugspunkt. Die Massen an Auswärtsfahrern hat man letztens in Lautern erblicken können. Dazu kommt diese, zumindest auf Sportebene mitunter noch vorhandene, „Wir Ossis wollen es dem Westen mal richtig zeigen“ – Mentalität, die egal wie dümmlich durchgezogen werden soll. Dafür scheint man in Leipzig alles in Kauf zu nehmen, Hauptsache der Erfolg stimmt. Und das sage ich als Brandenburger.

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: In der Grundschule habe ich einmal, ästhetisch so gewandt wie eine Giraffe im Fliegen, beim Wettbewerb „Kunst aus Abfall“ Karten für´s Kasperle-Theater gewonnen. (Man könnte meinen, meine Karriere wäre vorgezeichnet gewesen.)

Das „Kunstwerk“ (leere Joghurtbecher mit leeren Joghurtbechern dran!!!) war etwas, dass ich selbst geschaffen habe. Vielleicht nicht perfekt, aber es war aus Überzeugung entstanden. Ich erfreute mich daran und es war von einem Erfolg gekrönt, der schönes Beiwerk, letztlich aber nicht so wichtig war. Der Weg war das Ziel, um philosophisch zu werden.

Zieht man eine Analogie zu RB, muss man sagen, dass dieses Kunstwerk ein industriell erzeugtes ist, ohne Spaß und ohne Herz konstruiert, nur der Gewinnmaximierung dienend. Ob es weg muss, muss jeder für sich selbst entscheiden. Dass es ein Haufen Scheiße ist, sollte dabei aber nie vergessen werden.

Euer Vita, äh Fritz Kola trinkender Flo!

PS: Organisieren, engagieren, der Privatisierung des Fußballs das Handwerk legen!

 

 

 

 

 

 

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