St. Sisyphos

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Moin!

Der Tag danach. Immer noch fassungslos. Fast Woche für Woche sind uns Pleiten, Pech und Pannen gewiss. Immer dann, wenn man denkt, es könne wieder etwas aufwärts gehen, bricht alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und gefühlt liegt das weder am Kartenhaus noch am Erbauer, sondern an einem sich durch die Saison ziehenden braun-weißen Faden, der jede Woche durch neue Nackenschläge zerrissen wird.

Im Gegensatz zur restlichen Crew unseres Fanclubs begann und endete meine Reise nach Köpenick mit einer Regio-Tour durch Brandenburg. Rainald Grebe hat sich wohl von der gleichen Strecke inspirieren lassen. Es gibt viel in Brandenburg, sehr viel sogar – sehr viel Landschaft. An Menschen und humanoiden Bauten mangelt es mitunter leider merklich. Als Eastern native für mich zwar wenig verwunderlich, nach einiger Zeit in und um Hamburg lebend jedoch immer wieder auf´s Neue ein kleiner Kulturschock. So brachte mich das Space Shuttle der ODEG, der Ostdeutschen Eisenbahn, pünktlich und sicher nach Berlin. Noch ein bisschen mit der S-Bahn durch Berlin eiern und schon ist man in Köpenick.

Am Bahnhof bereits die ersten motivierten Gestalten (und damit meine ich nicht die Polizisten). Will Union auf seine Art der „andere“ Verein sein, gehören dazu leider immer noch Personen, die man eher beim BFC Dynamo verorten würde. Dies sind für mich allerdings keine Neuigkeiten, so gehörten doch Schals mit Eisernen Kreuzen und „Sieg Heil“-Rufe in der S-Bahn in Köpenick in der Vergangenheit zur Tagesordnung. Dies mag nur vereinzelt vorkommen, lässt diesen Verein für mich jedoch ein großes No-Go sein. Nun mögen bei einigen die positiven Erfahrungen mit Unionern vielleicht überwiegen. Von einer leisen Fanfreundschaft ist immer wieder die Rede. Ich persönlich muss aber sagen, dass das einzige wirkliche Schmuckstück dieses Viertels das Stadion ist.

Wer auf Stehplatz steht (Wortwitz des Tages), kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten. Die Lage macht dem Namen alle Ehre, idyllisch gelegen und kultig hoch drei. Allein Geschäftsstelle und Ticketoffice wirken wie aus den 20er-Jahren gerissen. Und damit auch zu den wichtigen Aspekten des Abends – und somit den unschönen. Ich bin guter Dinge in das Spiel gegangen. Defensiv standen wir – wie eigentlich immer unter Lienen – relativ sicher. Ein paar Konter unsererseits offenbarten dann auch die Gründe für das schlechte Abschneiden Unions in dieser Saison. Ok, wir hatten mitunter ganz gute Chancen, man erinnere sich nur an Maiers Schuss Mitte der ersten Halbzeit oder Daubes Volleyabnahme. Wirklich überzeugend und zwingend war die Leistung aber nicht, kann sie in dieser Situation aber auch nicht mehr sein. Es heißt überleben mit allen Mitteln. Und Leidenschaft sowie Kampfkraft kann man der Mannschaft in weiten Teilen des Spiels nicht absprechen, auch wenn ihr wirkliches Profil eher am Seitenrand steht.

Um beim Bild des Sisyphos zu bleiben: Wie in vielen der vergangenen Spiele stemmten wir uns mit aller Kraft gegen die Niederlage und fighteten auf dem Rasen wie auf den Rängen für den Sieg, der zeitweilig wenigstens ansatzweise greifbar schien. Doch kurz vor dem Erreichen des Ziels (ich denke, mit einem Punkt hätte man locker leben können, da die Unioner auch nie gänzlich ungefährlich blieben), fällt uns alles scheinbar Erreichte mit doppelter Wucht wieder mitten in die Fresse. Klar, kann man nun auf Himmelmann rumhacken. Klar, hätte der Rückpass nicht sein müssen. Man kann sich aber auch vor Augen halten, dass sich dieser militante Maulwurf im passenden Moment erhob und Himmelmann einfach großes Pech hatte und nun der Gelackmaierte (zweites grandioses Wortspiel) ist.

Es fügt sich momentan alles wie ein trauriges Puzzle ineinander. Am Tag danach ist es natürlich schwierig sich wieder für´s nächste Spiel zu motivieren. Vielleicht tut so eine Pause auch einmal ganz gut, um Kräfte zu sammeln und in den nächsten Spielen noch einmal alles geben zu können. Denn noch ist nichts verloren. Man könnte auch sagen immer noch nicht. Denn unsere Konkurrenten im Abstiegskampf ziehen nicht unbedingt mit großen Schritten von dannen. Allerdings ist unser Restprogramm nicht zu unterschätzen. Doch in alter fatalistischer St. Pauli – Manier ergeben wir uns in unser Schicksal und hoffen das Beste!

 

Ein Randthema, das mich gestern auch persönlich auf 180 gebracht hat, ist das „Fahnen runten“- Gepöbel. Logisch, Schwenkfahnen sollten nicht 90 min lang durchgängig in Gebrauch sein und können spielbezogen herunter- oder hochgenommen werden. Nur was überhaupt nicht geht, sind total besoffene Bewohner des Gästeblocks, die ununterbrochen ihre Sichteinschränkungen kundtun müssen, anderen auf den Nerv gehen und den Support durcheinanderwirbeln.

Ich hatte in der Halbzeitpause ein sehr „interessantes“ Gespräch mit einem Vertreter dieser Gruppe, der mir verbal auf geringem Niveau (weil kognitiv durch seinen Bierkonsum mehr als eingeschränkt) erklären wollte, warum es denn keine Fahnen beim Fußball braucht. Ganz ehrlich: Stellt euch einfach irgendwo an den Rand, da sind keine Fahnen, ihr könnt alles sehen und geht niemandem auf den Senkel. Wo ist das Problem?

Sich ähnlich gebärdende Leute stehen bei etlichen Heimspielen im Mittelblock der Süd und beschweren sich jedes Spiel auf´s Neue über Fahnen und die damit einhergehenden Sichteinschränkungen. Geht´s noch? Haben wir keine anderen Sorgen? Stellt euch doch einfach irgendwo anders hin und nicht mitten in den Supportblock. Leben und leben lassen. Dieser Sufftourismus bei Auswärtsspielen mag schön und gut sein, nur muss man sich dann im Stadion auch zu benehmen wissen und seine Egoismen hintanstellen. Das mag für den ein oder anderen kein relevantes Thema sein, ich könnte mich darüber noch tagelang aufregen, fast noch mehr als über die Niederlage. Denn wenn der Zusammenhalt innerhalb der Fanszene bröckelt, was sollen dann erst die Jungs auf dem Rasen fabrizieren?

 

Leute, in den nächsten Spielen noch einmal zusammenreißen, um das Unmögliche möglich zu machen. Auch wenn alle Durchhalteparolen bereits verballert wurden, ist noch längst nichts verloren. Auch wenn man gefühlt (oder vielmehr real) einen Grottenkick nach dem anderen sieht, die Kohle ohne Sinn und Verstand für seine große Liebe verballert und sich regelmäßig den Spott der Kollegen anhören darf: Noch einmal alle Kräfte sammeln, der Mannschaft ein gutes Vorbild sein und sie gegen Düsseldorf zum Heimsieg roaren (Wortwitz Nr. 3 – ja, ok, ich mache besser Schluss)!

Haut eure Meinung in die Kommentare, Ostermontag wird unser Tag!

YNWA – FORZA FCSP!

 

 

 

 

7 comments

  • Moin moin!

    Ich gehörte gestern auch zu den Leuten, die „Fahnen runter“ gebrüllt haben und ich stand links oben im Block und damit sehr weit weg vom Supportblock. Das Problem lag ja nun mal darin, daß durch das ständige Fahnengeschwenke das Tor, der Fünfmeterraum und große Teile des restlichen Strafraums für mich und viele andere nur äußerst beschränkt einsehbar waren, was bei einem Fußballspiel logischerweise extrem nervig ist.
    Das Einstellen des Fahnenschwenkens wäre ein Zeichen von Rücksichtnahme gewesen, aber so stellen sich aus meiner Sicht die handelnden Personen des Supportblocks als elitäre Fans dar, siehe die Aussage des Capos per Megafon, sie würden schließlich jedes Auswärtsspiel mitfahren und daraus ihre Legitimation ziehen, keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Fans nehmen zu müssen. Das es auch genügend andere Allesfahrer gibt, die davon betroffen sind, scheint ja offentsichtlich nicht zu interessieren.
    Das du in der Halbzeitpause an eine stark alkoholisierte Person darüber in Diskussion geraten bist tut mir leid. Mir gehen diesen Alkis in unserem Block auch zuweilen auf den Senkel. allerdings bedurfte es gestern keinen erhöhten Alkoholkonsum, um sich über die Fahnen im Supportblock aufzuregen. Es war schlicht und ergreifend gar nicht allen Leuten möglich, sich so zu positionieren, um freien Blick auf das Spielfeld zu haben, dafür war der Gästeblock einfach zu voll.

    Mit braun-weißen Grüßen
    Christian

  • Hi Christian,

    mir geht es bei Heimspielen mitunter selbst auf den Keks, wenn z. B. Doppelhalter fast durchgängig hochgehalten werden. Nur wäre es ein bessere Style, wenn man direkt und angemessen auf die entsprechenden Leute zugeht, als lautstark seinen Unmut kundzutun.

    Solche Situationen bauschen sich erfahrungsgemäß nur auf und es gibt keine konstruktive Lösung. Man könnte es so machen, wie der Herr in der Halbzeitpause, halt nur angemessen. Actio und Reactio sind dabei für mich immer wieder essenziell.

    Die Tatsache, dass es wohl doch nicht so einfach war, „fahnenfreie“ Flächen im Block zu finden, habe ich ggf. von meiner Position aus unterschätzt. Vielleicht könnten wir uns auf spielbezogenen Fahneneinsatz einigen. Denn Rücksichtnahme kann nicht nur von einer Seite ausgehen. Bei Torraumszenen gehören die Dinger i. d. R. runter. Nur ist sowas im Supportblock nie ganz zu steuern.

    Problematisch wird es bei kleinen Gästeblöcken, da verschiedene Interessen konzentriert zusammenprallen: Einerseits hat man da Fans, die viel Wert auf vielfältigen Support legen, andererseits solche, die halt einfach Fußball sehen wollen. Bei Heimspielen kann man sich aus dem Weg gehen, auswärts muss man im Zweifelsfall miteinander auskommen. Demzufolge müssen sich da beide Seiten etwas zurücknehmen. Und ohne USP wäre tote Hose. Was die an Arbeit und Mühe investieren, ist unglaublich. Dass dennoch auf die Interessen „normaler“ Fans eingegangen werden muss, ist auch klar. Nur hat man in diesem Verein noch niemandem verboten, sich zu artikulieren, aber eben immer sachlich. Und ich denke, in diesem Punkt treffen wir uns.

    BWG Flo

  • Pingback: Schuld war nur der schlechte Rasen | Grenzenlos Sankt Pauli

  • Spielbezogeneren Fahnenseinsatz unter Bedingungen wie gestern wäre ein guter Kompromiss! Ausweichmöglichkeiten gab es nämlich in der Tat nur wenige. Intensiver, lauter Support ist absolut wichtig, aber ich will auch halbwegs mitbekommen, bei welcher Aktion ich meine Fußballgötter gerade unterstütze.

    Über das Spiel an sich schweigen wir lieber. Nach Abpfiff erstmal einen ziemlichen Brass auf Himmelmann gehabt. Nach Ansicht der TV-Bilder nehme ich das aber zurück, war ja wirklich ein krasser Maulwurfshügel. Erschreckend aber, wie wenig Torgefahr wir trotz engagierten Spiels entwickelten.

    Rückweg dann auch noch ätzend. Mit ein paar Heimfans ins Plaudern gekommen, mit ihnen gemeinsam Richtung Bahnhof gelatscht. Aus einem Imbiss dann plötzlich Mittelfinger und „Zick Zack Zeckenpack“ Rufe in Richtung unserer Gruppe. Kurz darauf kommen die Typen von hinten angesprintet, Schubserei und Tritte – Grüne zum Glück recht schnell zur Stelle. Unsere Union-Wegbegleiter waren dann auf einmal der Meinung, wir hätten Schuld am Stress, wegen eines „Scheiß Nazis“-Rufes aus unserer Gruppe, und dass solche Rufe Union in ein schlechtes Licht stellten. Die Diskussion erwies sich dann schnell als zwecklos. Und tschüss.

    Unterm Strich ein in vielerlei Hinsicht bescheidener Abend. Klassenerhalt ist trotzdem noch drin. Walk on!

  • Ich war Freitag sehr spontan im Stadion, da ich tatsächlich auch nur spontan in Berlin war. Ohne Karte also in Richtung Stadion, ausgestiegen in Köpenick, spontan 3 Jungs angesprochen, ob sie zufällig noch eine Karte über haben und siehe da, sofort geklappt. Die Gruppe wurde größer und ich wurde dazu eingeladen, bei ihnen zu bleiben. Alle durchweg nette, liebe Jungs, wie man das so von Pauli-Fans gewohnt ist. Gemeinsam ging es dann zum Stadion, leider habe ich die Truppe am Einlass irgendwo verloren, aber egal.

    Natürlich war auch mein Sichtfeld eingeschräkt beim Spiel, aber ich finde besonders im Abstiegskampf ist der Support sehr wichtig. Als ich ins Stadion kam hätte ich durchaus auch noch einen Platz gefunden, andem mich nichts gestört hätte im Blickfeld. (ganz unten links waren in der „ersten Reihe“ noch Plätze frei, entschied mich aber für einen anderen Platz. Mir macht es sehr viel spaß in der Nähe der Supporter zu stehen und mit denen gemeinsam zu tanzen und zu singen.
    Für die Zukunft wäre es natürlich super, ein paar Regeln aufzustellen was die Fahnen angeht. Die ersten 10 Minuten Fahnen und dann das ganze etwas eindämpfen, wie auch immer, ich bin mir sicher, dass man da eine Möglichkeit finden wird.

    Die Aussage des Capos habe ich ein wenig anders aufgefasst als Christian. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mit „Wir sind bei jedem Auswärtsspiel dabei“ gemeint war, dass sie deswegen was Besseres sind und sich alles rausnehmen können, bzw. „daraus ihre Legitimation ziehen, keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Fans nehmen zu müssen.“ Für mich kam es rüber wie, Leute, wir fahren zu jeden Auswärtsspiel, reißen uns den Arsch auf die Mannschaft 200% zu Unterstützen und zu Supporten und haben echt andere Probleme, als uns im Abstiegskampf intern im Block zu streiten. Das waren sogar zum Teil seine Worte.

    Zum Spiel an sich sag ich jetzt mal nichts, da ist im Bericht alles gesagt.

    Der Rückweg gestaltete sich für mich sehr Angenehm. Mir kamen die Unioner alle durchweg sehr freundlich entgegen. Viele aufmunternde Worte gab es, viel „Mensch, den Punkt hätte ich euch aber auch gegönnt“, viel Glück für die weitere Saison, „St. Pauli gehört einfach in die zweite Liga“. Mit einem jungeren Herren hatte ich etwas länger das Vergnügen. Er war zwar leicht angeheitert, aber dennoch sehr nett. Wir haben dann noch ein Foto zusammen gemacht auf seinen Wunsch hin, wie gesagt, ich kann mich was das angeht überhaupt nicht beschweren.

    Auch die Straßenbahnfahrt, gemischt aus Fans beiden Lagern, verlief friedlich und stets mit freundlichen Worten ab.

    Ich finde es Schade, wenn einzelne Spinner somit ein schlechtes Licht auf den Verein von Union werfen. Ich werde auf jeden Fall wieder nach Berlin fahren!

  • Nunja, einzelne Spinner. Wenn ich mich in den sozialen Netzwerke umschaue, wimmelt es nahezu auf jeder Seite mit Union-Bezug von gar nicht wenigen „einzelnen Spinnern“, die St. Pauli-Fans als dreckige Zecken, linkes Pack oder Abschaum bezeichnen und ihnen vereinzelt sogar eine „lange U-Bahn-Fahrt Richtung Osten“ wünschen. (Und diese User sind offenbar Stammgäste auf diesen Seiten, und keineswegs wegen uns aus ihren Löchern gekrochen gekommen.) Klar gibt es auch Gegenstimmen, aber zumindest ist diese unangenhme Fraktion dort signifikant vorhanden. Hinter dem Tor und auf der Gegengerade soll es ziemlich lautstarke „Scheiß St. Pauli“-Gesänge gegeben haben, auch wenn ich davon aus dem Gästeblock nichts gehört habe (wie generell nichts außer „Hier regiert der FCU“ nach dem Tor und das „Sieg!“-Gebrülle nach Abpfiff). Zwei Kumpels, die im Heimbereich waren, erzählten, dass nach dem Spiel hinter dem Block eine feierliche Verbrennungsaktion gezockter Gästeschals stattfand – auch richtig sympathisch! Will niemandem seine sympathischen Begegnungen madig machen, aber unsere Erfahrungen wie auch diverse Anekdoten anderer hinterlassen in der Summe einen mehr als schalen Beigeschmack.

    Mit deiner Karte @Olivia hast du auf jeden Fall großes Glück gehabt. Das waren diesmal extrem viele (erfolglos) Suchende vor dem Gästeblock.

    Das Tor nervt mich immer noch. Das ganze Spiel über bewegt sich dieser Polter kaum, und das einzige Mal wo er massiv nachsetzt, dann dieses Missgeschick. Aber ok, das ist dann wohl der berühmte Torriecher.

    Was mich noch interessieren würde: Anfang der zweiten Halbzeit stieg ein etwas älterer Typ auf den Zaun und wedelte mit einer für mich undefinierbaren Fahne herum. Ansage via Megafon: „Holt den da runter!“, was dann auch auf der Stelle geschah. Kann mich jemand aufklären, um was für einen Lappen es sich da handelte?

  • Pingback: Still lovin’ Himmelmann. #FCSP holt viel Liebe, aber keine Punkte bei Union Berlin. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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